Vor einigen Tagen (24.07.15) wurde bei Heise Online ein Artikel veröffentlicht, der veranschaulicht wie Samen von Millionen von Nutzpflanzen im Eis konserviert werden – für den Fall eines weltweiten Ernte-GAU oder dass “… die landwirtschaftliche Vielfalt gefährdet sein sollte”.

Dass die landwirtschaftliche Vielfalt bereits gefährdet ist, kann mittlerweile belegt werden. Es wird davon ausgegangen, dass weltweit bereits 75% unserer Kulturpflanzen verloren gegangen sind. Dies wird auch als Generosion bezeichnet, da die genetische Vielfalt der Nutzpflanzen dadurch immer geringer wird. Als Antwort darauf wird weltweit in Genbanken Saatgut konserviert und Duplikate davon werden in Spitzbergen eingefroren.

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Saatgut alter, samenfester Sorten

Es handelt sich dabei um sogenannte “PGR – Pflanzengenetische Ressourcen. Im einzelnen sind dies die alten, samenfesten Land- und Regionalsorten, die durch langjährigen Nachbau entstanden sind. Ebenso Zuchtsorten, die nicht mehr registriert sind und seltene Kulturpflanzen, die in den verschiedensten Ländern/Kontinenten genutzt werden und auch in anderen, ähnlichen Klimazonen gedeihen könnten. Die Ergebnisse moderner Hybrid-Züchtung sind in den Genbanken nicht zu finden, ganz im Gegenteil: es wird davon ausgegangen, dass die Saatgutindustrie sich durchaus bewußt ist, dass die moderne Züchtung eine Sackgasse darstellen kann und sie notgedrungen auf die gesammelten PGR zurückgreifen muss.

Da stellt sich natürlich die Frage, warum diese alten, samenfesten Arten und Sorten nicht einfach angebaut, gegessen, vermehrt und somit vor dem Aussterben gerettet werden. Denn sogar über die UN-Dekade der Biodiversität und in den damit verbundenen nationalen Strategien ist die Sicherung der alten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen festgeschrieben. Dennoch werden derzeit allein von der deutschen Bundesregierung 12 Millionen Euro für die Weizen-Hybridzüchtung zur Verfügung gestellt, während die Bio-Züchtung, die die alten und samenfesten Ressourcen weiter entwickeln will, leer ausgeht. (Quelle: Arche Noah Magazin, Juli 2015, Seite 10).

So dient das eingelagerte Saatgut lediglich “… als … Zugang zu so viel genetischer Vielfalt wie möglich … so dass Wissenschaftler, sofort, wenn etwas passiert ist, mit der Züchtung neuer Pflanzen beginnen können”. Und hier kommt natürlich die nächste Frage auf: Warum anfangen zu züchten, wenn die Katastrophe schon da ist? Unsere alten Nutzpflanzen sind anpassbar an Klima, Boden und andere Umweltbedingungen und genau aus diesem Grund sind die unzähligen regionalen Sorten entstanden. So sollte die beste Vorkehrung für eine mögliche Klimaveränderung der Anbau und die Weiterentwicklung dieser anpassbaren Pflanzenressourcen sein – und zwar jetzt, bevor ein landwirtschaftlicher Klima-GAU einsetzen könnte.

Ob ein Genbank-Projekt wie in Spitzbergen tatsächlich seinen Sinn erfüllt, bleibt außerdem abzuwarten. Zum einen weiß niemand wirklich wie lange verschiedene Saatgutarten im Eis haltbar sind und “… Fachleute sehen durch die Erderwärmung auch Risiken für das Gebäude, das diese Gefahren eigentlich abwenden soll. Schon im Sommer 2008 taute der Permafrostboden am Eingang des Global Seed Vault auf und brachte die Statik ins
Wanken …”
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Hier gehts zum gesamten Artikel bei Heise Online “Der Reis ist kalt” >

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Saatguternte Schwarzes Winterrübchen

Was bleibt als Alternative? Wer die Möglichkeit hat, kann auf seinem Stück Land die eine oder andere Sorte erhalten. Wenn viele dies tun, bleiben viele alte Sorten erhalten und in lebendiger Weiterentwicklung.

Bei uns beginnt jedenfalls bereits die neue Saatguternte von 2-jährigen Kulturen wie dem Schwarzen Winterrübchen, von Überwinterungssalat und frühen Zuckerschoten.

 


Im Rückblick auf das Jahr 2014 war ein stetig steigendes Interesse an alten und samenfesten Gemüsesorten in der Öffentlichkeit zu beobachten. Obwohl im März der Vorschlag zur Reform der Saatgutgesetzgebung erst einmal zurück gewiesen wurde, beschäftigten sich auch die Medien weiterhin mit der Thematik von moderner Pflanzenzüchtung und dem Rückgang der Nutzpflanzenvielfalt.

So legte z. B. die ARTE Dokumentation “Die Saatgutretter” eindringlich dar, wie die Saatgutgesetzgebung moderne Hybridzüchtung begünstigt, dabei alte Sorten verdrängt werden und die Neuanmeldung und Registrierung samenfester Sorten durch Bio-Züchter wie z. B. Bingerheimer so gut wie unmöglich macht. Gleichzeitig wird jedoch deutlich wie wichtig die alten, samenfesten Sorten u. a. durch ihre Anpassungsfähigkeit an regionale Gegebenheiten und sich verändernden Klimaverhältnisse sind.

Film – Die Saatgut Retter

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Auch über “Garten des Lebens” und über die Funktion der Regionalsprecherin des VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt) konnten wir dieses steigende Interesse direkt beobachten. So bekamen wir nicht nur deutlich mehr Zuschriften und Anfragen zu samenfesten Sorten von Privatpersonen, sondern auch die Medien fragten mehrfach bei uns an.

Münchner Stadgespräche, Ausgabe April 2014
Agrarindustrie – Welchen Preis zahlt unser Essen?
Seite 10, Annettes bunte Schützlinge
“Im kleinen oberbayerischen Dorf Antholing liegt der „Garten des Lebens“. Annette Holländer und ihr Lebensgefährte Hans Sondermeier bauen hier Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Ein paar Hühner scharren munter auf der Wiese und im Glashaus strecken die Brokkolipflanzen ihre lilafarbenen Köpfe empor. Moment mal – lila Brokkoli? …”  mehr >

Bayerischer Rundfunk, Radio B2 Notizbuch
Interview von Doris Fenske mit Annette Holländer
Tauschen statt kaufen – Saatgut für den Garten
Die Samen für ihre Bohnen, Zuckerschoten und Tomaten bekommt Annette Holländer nicht im Baumarkt oder Gartencenter. Saatgut ist für die leidenschaftliche Gärtnerin ein Schatz, den es zu erhalten gilt…”  mehr >

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Foto: © Regina Recht

Stern – Gesund leben
Titelthema “Gesünder essen”
Auf Seite 15 mit einem Artikel zum Thema Essen mit gutem Gefühl
“Aus eigener Ernte in jeder Jahreszeit…”

Bayerischer Rundfunk, B3 Gesundheit!
Rahmenbeitrag zur Sendung, mit mehreren Filmsequenzen zu alten Gemüsesorten und Samengärtnerei
“Alten Gemüsesorten auf der Spur…”  mehr >

 


Schon im letzten Jahr haben wir in dem einem oder anderem Beitrag dazu geschrieben, wie wichtig die Erhaltung der Vielfalt auch im Hausgarten ist. Ob für bedrohte Tiere, die sich im Naturgarten ansiedeln können, für gesunde Wildkräuter oder zur Erhaltung unserer alten, samenfesten Nutzpflanzen.

Entwurf der EU-Saatgutreform zurückgewiesen
Gerade hinsichtlich des zuletzt genannten Themas hat sich – vor allem durch großen Druck aus der Öffentlichkeit – eine erfreuliche Wende eingestellt. Das Parlamentsplenum hat in der letzten Woche mit 511 zu 130 Stimmen eine Entschließung mit Gesetzeskraft verabschiedet, die den Vorschlag vom 6. Mai 2013 eindeutig ablehnt und die EU-Kommission auffordert einen neuen Vorschlag vorzulegen.

Wäre der Vorschlag angenommen worden, hätte dies das Aus für viele unserer alten Kulturpflanzen bedeutet, da Sortenzulassungen und Weitergabe von Saatgut – zugunsten homogener F1-Züchtungen – erheblich erschwert worden wären. Die weitere Entwicklung nach den EU-Parlamentswahlen bleibt zu beobachten.

Neue und alte Sorten gehen wieder in die Vermehrung
Wir werden in jedem Fall wieder ausgewählte alte Nutzpflanzen in die Vermehrung nehmen. Dabei sind wieder Sorten, die gerne bei uns angefragt werden und neue Raritäten, auf die wir uns schon besonders freuen.

Gesät ist schon eine ganze Menge: Vor allem einige neue Paprika- und Auberginensorten, die besonders für den Freilananbau geeignet sind, eine bunte Palette an Tomaten und im Freiland die ersten Zuckererbsensorten.

An dieser Stelle herzlichen Dank an alle Interessierten, die unser Saatgut alter Gemüsepflanzen angefragt haben, es nun ansäen und vielleicht auch selbst vermehren und weiter geben werden.

In diesem Sinne allen ein witterungsfreundliches und freudvolles Gartenjahr mit vielfältigem Gemüsegenuss!

 


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Aubergine Obsidian

Es ist wieder so weit – spätestens im Februar beginnt die Qual der Wahl: welche Sorten werden in diesem Jahr gesät? Wer sich über Gartencenter, Saatgutkataloge und Online-Shops versorgt steht vor einen großen Auswahl bunter Samentütchen. In den letzten Jahren wird dabei der Zusatz F1 bei den Sortenbezeichnungen immer häufiger. Die wenigsten wissen jedoch, was die Bezeichnung F1 und im Gegensatz dazu der Begriff Samenfest bedeutet.

Samenfeste Sorten sind nachbaufähig

Hier lohnt sich ein kleiner Rückblick in die Geschichte unserer Sämereien: samenfeste Sorten werden über Jahre auf bestimmte Eigenschaften durch Kreuzung und Selektion gezüchtet. Diese Eigenschaften können Farbe, Geschmack, Form, Resistenzen, etc. sein. Vermehrt man diese Sorten über ihr Saatgut, erhält man in den nächsten Generationen Pflanzen mit denselben Eigenschaften – dies nennt man samenfest, sortenrein und nachbaufähig. Bevor die moderne Pflanzenzüchtung an Bedeutung gewann, war dies der Weg, um Sorten zu züchten und weiter zu entwickeln.

F1 – Kreuzung in erster Generation
Bei F1 gekennzeichnetem Saatgut handelt es sich um Hybrid-Züchtungen, die nicht samenfest sind. F1 ist eine Kreuzung in erster Generation. D. h. es werden zwei Sorten gekreuzt und bei sortenreinen Eltern erhält man in dieser ersten Generation einheitliche Nachkommen. Vermehrt man diese Pflanzen weiter, tritt in der nächsten Generation – der F2 – die größtmögliche genetische Aufspaltung auf. D. h. die genetischen Eigenschaften der Kreuzungspartner treten in den Nachkommen in den verschiedensten Variationen zu Tage. Wenn wir also bspw. aus einer gelben, runden F1 Zucchini Saatgut gewinnen und wieder ansäen werden wir nur einen Teil oder u. U. gar keine Zucchini mit diesen gelben und gleichzeitig runden Eigenschaften erhalten.

Die moderne Pflanzenzüchtung
In der modernen Pflanzenzüchtung werden F1-Hybriden jedoch nicht nur durch einfache Kreuzung erzeugt. Oftmals werden in der Natur nicht vorkommende Inzuchtlinien erzwungen, um in der F1 gewünschte Eigenschaften hervorzubringen oder im Labor über die Verschmelzung artfremder Zellen und Zellkerne sogenannte CMS-Hybriden geschaffen. Letztere können in sich steril sein. [Quelle: www.saveourseeds.org/dossiers/cms-hybride.html]. Eine Vermehrung solcher Sorten ist entweder gar nicht möglich oder hat degenerierte Pflanzen zur Folge. Als Konsequenz hat Demeter bereits 2005 in seinen Richtlinien verfügt, dass CMS-Hybriden nicht mehr verwendet werden dürfen.

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Vielfalt im Gemüsebeet

Was bedeutet dies für den Eigenanbau?
Zugegebenermaßen bestechen die eine oder andere F1-Hybride durch ihre Eigenschaften. Will man diese Sorten jedoch langfristig kultivieren, ist man gezwunden jedes Jahr wieder neues Saatgut, das meist wesentlich teurer ist als von samenfesten Sorten, zu kaufen. Meist sind auch die Portionen in den Saatguttüten sehr klein, bei Tomaten bspw. oft nur 5 Korn.

Durch das große F1-Angebot werden traditionelle samenfeste Sorten verdrängt. Dabei geht ein großer Reichtum an Züchtungsarbeit und genetischer Ressourcen verloren. Für die Vielfalt auf unseren Gartenbeeten sind samenfeste Sorten die bessere Wahl.